Der Gipfel ist erklommen

Der Abstieg wird begonnen. 

Extra früh stand ich heute morgen auf – kennen wir ja schon – um aufzuräumen. Um aufzuwachen und in Schwung zu kommen, ging ich erstmal im Supermarkt Katzenfutter kaufen und beim Bäcker ein Frühstück holen. Doch während ich im Bett saß und aß (ja, ich gebe zu, ich halte mich meistens in meinem Bett auf), kam, welch Überraschung, meine Katze zum kuscheln. Eine willkommene Ausrede, nichts machen zu müssen. Im Nachhinein denke ich, war das vielleicht auch gut. 

So war ich bei der Ankunft meiner Freundin noch relativ entspannt und konnte erstmal mit anpacken. Für meine Freundin war das gar kein Problem: mit einem Blick sah sie, was erledigt werden musste. „Das räumen wir da hin, das schmeißen wir weg, das kommt mit auf den Stapel, alles kein Ding!“ Ich war froh, dass sie das Zepter in die Hand nahm und mir genaue Anweisungen gab, was ich tun sollte. 

Relativ schnell merkte ich, wie es mich überforderte. Ich fing an, Dinge von links nach rechts und wieder nach links zu stellen, lief im Kreis, konnte mir nicht merken, was meine Aufgabe war. Natürlich fiel das auch meiner Freundin auf. Um ein wenig Druck von mir zu nehmen, gab sie mir die Aufgabe, mein Bücherregal auszustortieren. Da ich mir in Irland wohl nur eine kleine Wohnung leisten kann, muss ich leider fast alles verkaufen, verschenken, einlagern. Ich wollte nur wenige Lieblingsbücher mitnehmen, alle anderen avisierte ich Momox zum Verkauf. 

Dann kam die größte Hürde. Ein Freund, den ich aus meiner Zeit in der psychosomatischen Tagesklinik kenne, kam mit einem Anhänger, um all den Müll weg zu fahren. Innerhalb kurzer Zeit war der Anhänger voll und ich sollte mit fahren, während meine Freundin in der Wohnung weiter machen wollte. 

Schon auf dem Weg zur Mülldeponie wurde ich immer nervöser. Ich könnte kaum still halten, meine Hände waren die ganze Zeit in Bewegung. Mir war schlecht vor Angst, ich hatte das Gefühl, ich müsste mich übergeben. Meine Angst war zum einen, abgewiesen zu werden – was, wenn mein Hausmüll nicht angenommen wird? Wohin damit dann? Zum anderen hatte ich Panik, dass die Mitarbeiter der Deponie den Müll überprüfen würden, wie man es von Wertstoffhöfen kennt. Mein Bekannter, nennen wir ihn Y, versuchte mich zu beruhigen. „Alles ist gut, ich bin da.“ sagte er immer wieder. Dazwischen erzählte er mir von seiner Arbeit und seiner Familie um mich abzulenken. 

Angekommen bei der Mülldeponie wurde meine größte Sorge wahr: wir wurden abgewiesen. Diese Deponie nahm keinen Müll von Privatleuten an. Wir wurden einen Kilometer weiter geschickt, was sich aber als Wertstoffhof erwies. Zum Glück gerieten wir dort an eine nette Dame, die uns tatsächlich eine richtige Adresse geben konnte. 

Wir fuhren also zur nächsten privaten Mülldeponie, auf der wir alles abgeben konnten. Durch die lange Fahrerei würde ich immer nervöser. Ich musste mich sehr zusammen nehmen, nicht los zu heulen. Mit dem Hänger ging es also auf die Wage, einmal Vollverwiegen. Wir bekamen einen Platz zugewiesen, an dem wir entladen durften.

 

Zu meiner Erleichterung kam niemand, der den Inhalt kontrollierte. Ich war nervlich trotzdem am Ende und zitterte am ganzen Körper, so dass Y den Hänger fast vollständig alleine entlud. Hinterher ging es wieder auf die Waage. 120kg hatten wir entsorgt, 100€ bezahlt. 

Auf dem Heimweg stellte ich fest, dass ich nicht mal erleichtert war. Das ganze hatte mich so sehr mitgenommen, dass ich mich nicht über den Erfolg freuen konnte. 

Zurück in meiner Wohnung hatte meine Freundin bereits ganze Arbeit geleistet und meine Abstellkammer geleert und alles was noch weg musste im Flur zusammen getragen. Wir beluden den Hänger ein zweites Mal, diesmal aber auch mit Sperrmüll und Papier. Y versprach, den weiteren Müll morgen früh weg zu fahren und bei Bedarf in den nächsten Tagen nochmal wieder zu kommen. 

Mit meiner Freundin fuhr ich noch ein paar Säcke zum nächsten Altkleider Container, brachte Pfandflaschen weg und verpackte die zum Verkauf vorbereiten Bücher in Kartons. 

Anschließend gingen wir eine Kleinigkeit essen – mein Magen hatte sich endlich so weit beruhigt, dass ich das erste mal an diesem Tag etwas zu mir nehmen konnte. 

Alles, was ich jetzt noch in der Wohnung habe, ist mehr oder weniger normales Umzugsgut. Natürlich muss noch viel gemacht werden, bevor ich jemanden – meinen Vermieter – ohne weiteres rein lassen kann. Es war doch mehr als ich selbst erwartet hatte. Aber so langsam fange ich an, die Erleichterung zu verspüren. Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich mir morgen einen Tag (Geburtstags)Pause gönne, oder ob ich wenigstens versuche, weiter auszumisten und aufzuräumen. 

Zumindest aber habe ich heute einen riesigen Berg geschafft – alles was jetzt noch kommt, ist Kleinkram im Vergleich zu heute! 

4 Gedanken zu “Der Gipfel ist erklommen

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