Bin ich zufrieden?

Inspiriert durch den Blog join my escape von Lia Falinski, ebenfalls einer jungen Frau mit dem Auswanderziel Irland (allerdings ist sie schon auf dem Weg), stellte ich mir heute morgen die Frage, ob ich eigentlich zufrieden bin mit meinem Leben. 

Letzte Nacht hatte ich sehr schlecht geschlafen, der Vollmond macht mir schon seit Tagen zu schaffen, und von Sonntag auf Montag bin ich sowieso immer unruhig. Vermutlich, weil ich mich unbewusst schon mit dem Arbeitsalltag, der mich Montags erwartet, auseinander setze. Gerädert und unausgeschlafen wachte ich also auf und blätterte lustlos durch mein Handy, um das Aufstehen noch etwas vor mir her zu schieben. 

Dabei stieß ich auf den oben genannten Blog von Lia. Lia ist 23 Jahre alt und macht die schönsten Pferde-Fotos, die ich je gesehen habe. In einer Gruppe für deutsche die nach Irland auswandern oder schon ausgewandert sind habe ich sie entdeckt. Lia ist seit kurzem unterwegs Richtung Irland, vermutlich schwimmt sie gerade die letzten Meter auf der Fähre, während ich diesen Beitrag tippe. 

Interessiert las ich ihren Blog von vorne bis hinten durch. Auch wenn unsere Ausgangssituationen unterschiedlich sind, kann ich mich doch mit einigem, was sie schreibt, identifizieren. 

In Irland ist Alles anders

Lia schreibt von der Vorstellung – und der Selbsttäuschung – dass „dann alles anders ist“. Der Traum, der Wunsch, den wohl jeder einmal hegt: wenn ich …(auswandere, eine neue Haarfarbe habe, umziehe)… dann wird alles ganz anders! 

Auch ich habe diesen Traum vom totalen Neuanfang. Ich möchte in Irland aktiver werden, mehr reisen. Vielleicht Yoga ausprobieren, oder eine neue Sprache lernen? Dinge, zu denen ich in Deutschland immer zu faul war, aber immer eine schlüssige Ausrede parat hatte, warum ich das jetzt nicht machen konnte. Ich träume davon, dort zu kochen, vielleicht auch mal zu backen. Meine Wohnung ordentlich zu halten. Ich träume von einem besseren Leben. 

Ist das realistisch? 

Ich denke, in gewisser weise schon. Natürlich werde ich durch den Umzug kein anderer Mensch. Man kann nicht vor sich selbst weg laufen, und ich glaube das ist etwas, was sehr viele (Auswanderer) übersehen. Man kann aber seine Lebensumstände ändern und damit das bestmögliche aus sich herausholen. Das Reisen zum Beispiel: in Irland verdiene ich zum einen etwas mehr, zum anderen fliegt Ryanair ab Dublin sehr günstig nach ganz Europa, so dass ich mir sicherlich einige Wochenendtrips leisten kann, die ich mir in Deutschland so nicht leisten konnte. Oder das kochen: dadurch dass ich in Irland eine für mich neue Wohnung haben werde, ist dort noch nichts „kontaminiert“ (siehe Beitrag Mimimi), somit wird es mir dort leichter fallen, mir selbst Mahlzeiten  zuzubereiten. 

Durch das Auswandern verändert man nicht sich selbst, seine Probleme oder seine Vergangenheit. Aber man schafft neueUmstände, die einem bestenfalls erleichtern, neue Dinge auszuprobieren. 

 Wenn ich auf Facebook meine Timeline durchscrolle, was wirklich immer seltener geschieht, dann sehe ich Videos von Menschen, die stürzen, Männer die sich schminken, Frauen, die sich blamieren, Jugendliche die schief singen… Und dann sehe ich Freunde aus meiner Freundesliste, die sich lustig über solche Menschen machen. Sich gegenseitig verlinken und sich herzlich darüber amüsieren. Und da frage ich mich, ob diese Menschen glücklich mit ihrem eigenen Leben sind. So wirklich zufrieden? 

Erwischt: auch ich lache manchmal über die Missgeschicke anderer (solange niemand dabei verletzt wird, psychisch oder physisch zu Schaden kommt oder ernsthaft darunter zu leiden hat). Aber eine missglückte Audition bei einer Talentshow? Selber schuld, wenn man da hin geht. Macht das aus mir einen schlechten Mensch? Bedeutet das, dass ich unzufrieden bin mit mir selbst und meinem Leben? 

Klar, in gewisser Weise muss ich unzufrieden sein, sonst würde ich keine so krasse Veränderung wie einen Umzug in ein anderes Land planen. 

Lange Zeit fiel es mir sehr schwer, zur Arbeit zu gehen. Ich war ausgelaugt und müde, hatte meinen Job satt. Jetzt gehe ich für die gleiche Firma nach Irland. Was macht das aus mir? 

Ich stand also heute morgen vor dem Spiegel im Bad und dachte nach. 

Nach vielen Jahren Therapie bin ich an einem Punkt angekommen, an dem es mir gut geht. Besser als die ganzen letzten Jahre. Ich genieße mein Leben, auch wenn es nicht perfekt ist. Ich wünsche mir mehr, weiß aber zu schätzen, was ich habe. 

Mit meiner Arbeit habe ich Frieden geschlossen. Es war mehr der Kleinkrieg zwischen den Kollegen, als der Job selbst. Es tut mir zwar leid, für die beiden neuen Kollegen, aber seit ich nicht mehr die jüngste bin, habe ich es sehr viel leichter, mich durchzusetzen. Zudem habe ich in meiner Therapie gelernt, mich bemerkbar zu machen und mich nicht übergehen zu lassen. 

Ich habe wenige, aber dafür gute Freunde, auf die ich zählen kann. Das Verhältnis zu meiner Familie ist zum Teil schwierig, aber auch hier habe ich gelernt, nach meinen Wünschen und Bedürfnissen zu schauen und nicht auf mir herum trampeln zu lassen. 

Ich stand also im Bad, föhnte meine Haare. Meine Katze strich mir um die Beine und schnurrte, während mein Kater mich von der Tür aus beobachtete. Im Spiegeln sah ich ein Lächeln – obwohl mein Urlaub vorbei ist, obwohl ich wieder arbeiten muss, obwohl ich mit der Unzugsorganisation überfordert bin und obwohl mein Konto fast leer ist. Und mir wurde bewusst: 

Ja, ich bin zufrieden. 

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