Ein Rückblick auf 11 Jahre 

Seit 11 Jahren, 2 Monaten und 25 Tagen arbeite ich in der gleichen Firma. 

Während der Schulzeit hatte ich keine Ahnung, was ich beruflich machen wollte. Mein größter Traum war es, Buchhändlerin zu werden. Schnell fand ich jedoch heraus, dass es mir dann höchstwahrscheinlich an Jobs und Geld mangeln würde. Immer mehr Menschen kaufen eBooks oder bestellen ihre Bücher bei Amazon. Mir war also klar, dass dies ein Job ohne Zukunft war. Lange überlegte ich hin und her. Mein Schulpraktikum verbrachte ich in einem Kindergarten – gar nicht mein Ding. 

Eines Abends war unsere Nachbarin zu Besuch und hörte von meinen Schwierigkeiten bei der Berufswahl. Sie erzählte mir von ihrer Arbeit als Büroleiterin in einer Logistikfirma und ich war sofort fasziniert. Die Mischung aus geregeltem Büroalltag gemischt mit engem Kundenkontakt und vorallem auch internationalen Tätogkeiten interessierte mich sehr. Ich bekam einen Praktikumsplatz während der Schulferien und erlebte zwei spannende Wochen. Mir war klar:

Das wollte ich machen, und genau bei der Firma wollte ich lernen! 

Ich bewarb mich und wurde zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Ich war so nervös wie noch selten zuvor. Als ich nach dem aktuellen Weltgeschehen gefragt wurde, fiel mir nicht die für diese Branche wichtige LKW Maut ein, die damals in aller Munde war. Nein, ich war so aufgeregt, dass ich mich gerade noch an das erinnerte, was ich neben an beim Bäcker  in der Auslage gesehen hatte: die Schlagzeile „Moshammers Tod“. Mit dieser Antwort erntete ich viele Lacher, doch der Rest des Gesprächs verlief gut und ich bekam den Ausbildungsplatz. 

Am ersten August fing ich an. Die ersten vier Wochen wurden die neuen Azubis aus allen deutschen Büros nach Hamburg geschickt. Dort erhielten wir Schulungen, besichtigten den Güterbahnhof, Werften, den Containerhafen, das Zollamt… Diese Zeit war sehr intesiv: sehr informativ, sehr interessant, gleichzeitig für mich aber auch sehr schwer. Mit 16 Jahren war ich das erste mal so lange weg von zuhause, weg von meinem damaligen Freund, von dem Vertrauten. Zudem war ich eine der jüngsten. Wenn die anderen abends auf den Kiez gingen, saß ich alleine in meiner Unterkunft und hatte Heimweh. 

Nach einem kurzen Wochenende in der Heimat verbrachten wir zwei weitere Wochen auf der Insel Juist. Diese wunderschöne kleine Insel gefiel mir sehr. Ich fand schnell Anschluss bei den Azubis einer anderen Firma, die Zeitgleich dort war. Ich lernte Segelfliegen, unternahm einen Ausritt am Strand. Überhaupt genoss ich es, am Strand zu sitzen und dem Meer zuzuhören. 

Danach begann dann endlich der Ernst des Lebens. Ich konnte es kaum erwarten, endlich zu arbeiten. Jede Woche hatte ich eineinhalb Tage Schule, die ich hasste. Aber die Zeit im Büro gefiel mir sehr. Ich kam gut mit den Kollegen zurecht und erhielt Lob für meine Arbeit. Ich fühlte mich wohl. 

Nach drei Jahren hatte ich es geschafft. Die Ausbildung war bestanden und ich wurde übernommen. Es gab gute Zeiten, und es gab schlechte Zeiten. Die meiste Zeit jedoch mochte ich meinen Job und wusste die Vorteile, die eine große, internationale Firma bietet, zu schätzen. 

Immer wieder hatte ich schwierige Phasen in meinem Leben, in denen es mir nicht gut ging, auch während der Ausbildung schon. Immer wurde mir Verständnis entgegen gebracht, und meistens schaffte ich es, meine Arbeit trotzdem  gut zu machen. Doch irgendwann kam ich an einen Punkt, an dem nichts mehr ging. Ich merkte selbst, dass ich nicht mehr vernünftig arbeiten konnte und dass ich etwas dagegen tun musste.  Ich sprach mit meiner Chefin, erzählte ihr von meinen Depressionen und wie schwer es mir fiel, überhaupt zur Arbeit zu kommen. Meine Vorgesetzte bot mir sofort ihre Hilfe an. Ich lies mich krank schreiben und war ca. 5 Wochen zuhause. In dieser Zeit fragte meine Chefin immer wieder nach, ob sie etwas für mich tun könnte. Mit Hilfe von ihr und meiner Mutter suchte ich nach einem Therapieplatz. Ich hatte Glück und weitere 6 Wochen später bekam ich einen Platz in einer psychosomatischen Tagesklinik. 

Fast 4 Monate verbrachte ich dort. Tagsüber war ich in der Klinik, nachts und am Wochenende zuhause. Immer wieder telefonierte ich mit meiner Chefin, die mir ihre Unterstützung zusicherte. An meinem Geburtstag, der auch in diese Zeit fiel, erhielt ich eine Karte, unterschrieben von allen Kollegen – etwas, das wir normalerweise nur an runden Geburtstagen machen. 

Ich hatte mich entschieden, offen mit meiner Krankheit umzugehen und somit wusste jeder im Büro, wo ich in dieser Zeit war. Die verständnisvollen Reaktionen meiner Kollegen zeigte mir, dass das der richtige Weg war. 

Auch während meiner Widereingliederungsphase bekam ich Unterstützung. Ich hatte immer wieder Gespräche mit der zuständigen Personalreferentin und weiteren Vorgesetzten. Alle zeigten sich interessiert, stellten Fragen und boten mir jede mögliche Unterstützng an. 

Ich fand schnell einen ambulanten Therapieplatz. Über fast 3 Jahre hinweg hatte ich zwei mal pro Woche während der regulären Arbeitszeit meine Sitzungen. Meine Firma sorgte dafür, dass ich diese Zeit nicht nacharbeiten musste, die Kollegen erledigten währenddessen meine Arbeit. Manchmal gab es Schwierigkeiten, wenn sich die Therapieferien mit den Schulferien überschnitten und ich somit auf die gleichen Urlaubstermine angewiesen war, wie die Kollegen mit schulpflichtigen Kindern. Ich hatte aber das Gefühl, dass meine Kollegen es trotzdem schätzten, dass ich zu meiner Krankheit stand und mir Hilfe holte. 

Dank der Unterstützung dieser wunderbaren Firma schaffte ich es, mich soweit zu erholen und zu stabilisieren, dass ich mich jetzt besser fühle, als ich es viele Jahre lang getan habe. 

Vielleicht war es Schicksal, dass genau jetzt in unserer irischen Niederlassung eine Stelle frei wurde, vielleicht auch Zufall. 

Morgen ist es jedenfalls soweit. Ich werde ein Gespräch mit sämtlichen Vorgesetzten und der Personalreferentin haben. Ich möchte die Chance nutzen und mich persönlich bedanken für all die Unterstützung und für all das Verständnis, das ich erhalten habe. 

Ohne diese Firma wäre vieles sehr viel schwerer gewesen. 

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