Negative Nelly

…nennt mich mein Kollege immer dann, wenn ich eine meiner seltsamen niedergeschlagenen Stimmungen habe, so wie jetzt. 

Das Wochenende war etwas viel für mich. 

Der Besuch aus der Heimat (ein Kollege war da) war zwar nett, aber 3 Tage 24h am Stück mit jemandem zusammen zu sein, der nicht unbedingt zum engsten Umfeld gehört, ist nicht mein Ding. Meine kleine gemütliche Einzimmerwohnung fühlte sich mehr wie eine Sardinenbüchse an und ich wurde vom Gelegenheitsraucher mit höchstens einer Schachtel pro Monat zum Dauerraucher mit einer Schachtel pro Abend. Immerhin waren die Raucherpausen draußen die einzigen Minuten, in denen ich alleine war. Oder zumindest nicht mit meinem Besuch zusammen. 

Der Ausflug auf die unbewohnte Insel Ireland’s Eye war toll, aber es hat mir mal wieder gezeigt, dass ich einfach lieber alleine unterwegs bin. Da steht man auf einer kleinen Insel, 4 Touristen (inkl. uns) und um uns herum nur grün, Vögel, und Meer. Am Strand hatte ich einen kleinen Ausbruch von „scheisse ich wohn jetzt hier, wie geil ist das denn?!“ inklusive Urschrei und wilder Tanz-Hüpf-Aufführung. Wenige Minuten später, bei absolut friedlicher Stille, man hört nur das Meer rauschen und die Vögel schreien, fängt mein Besuch plötzlich an mit etwas zu lauter Stimme über Deutschlands Flüchtlingspolitik und seine Bekannte, die sich nach 6 Jahren von ihrem Partner getrennt hat und jetzt mit einem Mexikaner schläft zu lamentieren. 

Die Idee war, abends in einem Pub mit live Musik zu gehen. Musik ist gut für die Seele und in Pubs meist laut genug dass man sich nicht unterhalten kann/muss. Zum Glück spielte ein Freund von mir am Sonntag Abend, also nichts wie hin. Nicht bedacht hatte ich, dass mein 25jähriger Gast, dessen aufregendste Geschichte ist, dass er mal sein Tshirt nachts auf einer öffentlichen Straße ausgezogen (und wieder angezogen) hat, sich über die Lautstärke beklagen könnte. Zum Glück überredeten ihn die Leute, die neben uns saßen, etwas alkoholisches zu trinken. So wurde er etwas lockerer und hielt die Musik aus. 

Ebenfalls nicht bedacht hatte ich jedoch, dass der besagte Musiker gerne mal gewisse Lieder spielt, die mich an jemanden erinnern, an den ich lieber nicht denken mag. Während mein Gast also endlich auftaute und sich seinem Alter entsprechend verhielt, würde ich melancholisch und hätte am liebsten angefangen heulen. Der Musiker, ein Bekannter von mir, bekam das mit und umarmte mich mal ganz fest. Das tat einerseits gut, andererseits erinnerte es mich daran, dass es seit einer gefühlten Ewigkeit eigentlich so ziemlich die erste wirkliche Menschliche Berührung war…wenn man von lockeren kurzen Halb-Umarmungen zur Begrüßung unter Freunden absieht. 

Nachdem ich meinen Kollegen am Flughafen „abgegeben“ hatte, war ich so emotional erschöpft, dass ich nicht mal mehr auf den nächsten Bus warten wollte. Ich fuhr mit einem Taxi heim, lies den Taxifahrer schimpfen (er beschwerte sich über die kurze Strecke die ihm kaum Geld einbrachte und sich daher für ihn nicht lohnte) und legte mich erstmal ins Bett. Drei Stunden später wachte ich halbwegs erholt aber immernoch melancholisch, nachdenklich und niedergeschlagen auf. 

Hier noch ein paar Bilder von unserem Ausflug am Sonntag 

Blick auf Malahide 

Blick von Ireland’s Eye auf Howth 

Eine Möwe (beim Nisten?!)

Blick auf die Halbinsel Howth

Martello Tower auf Ireland’s Eye​ 
Und hier noch ein kurzer Ausschnitt von der Live Musik. Das Lied Zombie von den Cranberries handelt vom Nordirlandkonflikt und wird daher hier sehr viel öfter und mit viel mehr Gefühl und Bedeutung gesungen als in Deutschland. ​

3 Gedanken zu “Negative Nelly

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