Vergleich damals – heute

Heute habe ich den Link zu meinem Blog zwei mal verschickt. Einmal an jemanden, der selbst öffentlich über Krankheit und Eingeschränkt sein spricht, und einmal an jemanden, der einfach sehr feinfühlig ist, und hier ab und an rein schauen möchte.

Dabei kam ich auf die Idee, mal meine älteren Blog Einträge zu lesen. Die Anfänge.

Wenn ich so zurück denke, an die Zeit zwischen Vertrag unterschreiben und Umzug, ich weiss nicht, wie ich das alles gemeistert habe. Ich war von der bloßen Vorstellung, was noch alles zu erledigen ist, so erschöpft, dass ich nur noch geschlafen habe. Wahnsinn, wie viel ein Mensch schlafen kann, einfach nur, um gewissen Situationen aus dem Weg zu gehen!
Die Zweifel die ich hatte. Die Zweifel, die mein Umfeld hatte! Nur einige wenige Freunde (und Familienmitglieder) unterstützen mich – die aber dafür zu mindestens 150%. Die Mehrheit meines Umfelds zweifelte an mir und scheute sich nicht, diese Zweifel auszusprechen (und damit meine eigenen noch zu verschlimmern). Wie oft hörte ich die Frage, ob es eine gute Idee sei, alleine ins Ausland zu gehen, mit meinen psychischen Problemen. Ich wurde abgestempelt, obwohl ich bereits seit über drei Jahren eine Therapie machte, galt ich noch immer als „krank“. Ja, in gewisser weise war und bin ich das auch, und werde es vielleicht immer sein. Aber auf der anderen Seite….wo genau ist denn bitte die Grenze, zwischen einfach ein bisschen schräg, und vielleicht ein wenig sensibler als andere….und wirklich psychisch krank? Wer darf darüber Urteilen?

Seit ich etwa 6 Jahre alt war – 1994 – sprach ich davon, mal in Irland zu wohnen. Angenfangen hat es mit der Kelly Family, die ganz groß raus kam, als meine Eltern sich gerade scheiden ließen. Über die Jahre hin weg wurde das Land immer wichtiger als die Band, ich machte mehrfach Urlaub auf der grünen Insel, und jedesmal fühlte ich mich sofort heimisch. Der Wunsch, nach Irland zu ziehen, war immer da, die Sehnsucht wurde immer größer, aber niemals, nie im Leben, hätte ich gedacht, dass ich jemals mutig genug wäre, den Schritt zu wagen. Ich wusste, wie es um den Wohnungsmarkt hier steht, wie teuer das Land ist. Ich hatte wahnsinnige Angst zu versagen und im schlimmsten Fall unter der Brücke zu landen. Irland blieb also immer ein ferner Traum.

Die Entscheidung, mich hier zu bewerben, wurde mir fast schon aus der Hand beworben. Einzelheiten gibt es in meinem aller ersten Blog Beitrag Wie alles begann, Kurzfassung ist, dass meine irische Kollegin bereits mit ihrem Chef gesprochen hatte, und ich eigentlich nicht anders konnte, als mich zu bewerben, ohne mein Gesicht zu verlieren. Im Nachhinein bin ich froh drum, aber zu der Zeit war ich völlig hin und her gerissen, zwischen Freude und Aufregung, Hoffnung auf eine Chance, und Angst und Panik, dass alles schief gehen würde. Da ich immer (okay, nicht immer, aber seit einer ganzen Weile) sehr offen mit meinen psychischen Problemen umgegangen bin und es kein Geheimnis war, dass ich immer wieder unter Depressionen und Angststörungen litt, wurde ich überall, ob bei den Kollegen, in der Familie oder im Freundeskreis in eine Schublade gesteckt. Im Prinzip wurde ich als „nicht alleine Lebensfähig“ eingestuft, was in meinen schlimmsten Phasen sicherlich auch zutreffend war. Ich erinnere mich an Zeiten, in denen ich kaum aufstehen konnte. Ich lag völlig regungslos im Bett, Stundenlang, nicht fähig, mich auch nur an der Nase zu kratzen. Ich erinnere mich an Zeiten, in denen ich meinen Haushalt völlig vernachlässigt habe. In denen ich Panikattacken bekommen habe, völlig Grundlos, ganz plötzlich. In diesen Zeiten war ich froh, nicht nur meine Therapie zu haben, sondern auch Freunde und Familie, die sich um mich kümmerten. Ich musste nicht alleine sein. Ich konnte auf deren Sofas vor mich hin vegetieren, oder ich konnte mich von ihnen ablenken lassen. Es war gut so, und ich bin sehr dankbar dafür. Aber die Zeit, in der es mir immer besser ging und die Therapie langsam Wirkung zeigte, das haben meine Freunde verpasst. In ihren Augen war es nur eine Frage der Zeit, bis ich wieder in einem Loch hänge und Hilfe brauche.

Und die Zeit vor dem Umzug war auch wirklich hart und hat mich an meine Grenzen gebracht. Es gab so viel, das ich erstmal aufarbeiten musste, bevor ich mit den Umzugsvorbereitungen anfangen konnte! Das aufräumen meiner Wohnung allein brachte mich zur Verzweiflung. Zum Glück schaffte ich es, mir Hilfe zu holen, in einem Maß das mir gut tat und ohne die Verantwortung an jemand anderen abzugeben. Um den Anfang zu machen, sprach ich am Telefon mit einer Psychologin (der Beitrag ist hier), und danach war es schon nicht mehr ganz so schwer. Noch heute, über ein Jahr später, folge ich ihrem Rat, und räume immer (und zwar jeden Samstag, den Rhythmus habe ich mir angewöhnt) als erstes den Boden auf!

Es ist schon über ein Jahr her, dass ich angefangen habe, diesen Blog zu schreiben. Genau gesagt 16 Monate. Meine ersten Beiträge sind voller Selbstzweifel, Vorwürfe, Verzweiflung. Alles war so mühselig. Natürlich ist auch hier in Irland nicht alles perfekt, und natürlich habe ich immer wieder mal Momente oder sogar Phasen, in denen es mir weniger gut geht. Aber wenn ich die ersten Blog Beiträge mit den letzten vergleiche, dann liegen da Welten dazwischen! Ich bin so viel Selbstbewusster geworden. Ich trau mir mehr zu, ich weiss was ich will. Ich bin stärker geworden, und mangels Sicherheitsnetz habe ich noch mehr tricks gelernt, wie ich mir selbst helfen kann, wenn es mir mal nicht so gut geht. Die Natur hier wirkt Wunder, und in der Fotografie habe ich ein wundervolles Hobby gefunden.

Beim lesen meiner alten Beiträge fühlt es sich kaum an, als ginge es da um mich. So viel hat sich verändert, zum positiven.

Ich kann kaum glauben, was ich für Fortschritte gemacht habe!

4 Gedanken zu “Vergleich damals – heute

  1. suzyintheflow schreibt:

    Herzliche Gratulation, meine Liebe. Zu deinem Mut offen über die Probleme zu berichten und zu dem Erreichten! Ich kenne deinen Blog erst seit ein paar Monaten und finde es schön wie locker du berichten kannst. Ich hatte immer das Gefühl, wenn etwas formuliert und nieder geschrieben ist, ist die „Bestie“ nur noch halb so gross. Schreiben tut gut, jedenfalls mir. Vielleicht geht es dir auch so?

    Gefällt 1 Person

    • Lela G schreibt:

      Vielen Dank, das positive Feedback freut mich. Ja, der Blog ist für mich zum einen eine Art Dokumentation dieser wichtigen Lebensphase, ein bisschen auch Tagebuch, aber am meisten ist es meine Art der Selbsttherapie. Wenn die Gedanken im Kopf verrückt spielen? Aufschreiben, dadurch ordnen sie sich automatisch. Wenn ich was tolles geleistet habe? Aufschreiben, das verdeutlicht den Erfolg und macht mich stolz… macht mir etwas Angst? Aufschreiben! Danach sieht es meist gar nicht mehr so schlimm aus…..

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