Das Toilettenpapier der Gesellschaft

Überstunden sind in meinem Job keine Seltenheit, und auch wenn ich diese hier in Irland nicht bezahlt bekomme (auch nicht in Gleittagen, so wie in Deutschland), machen sie mir in der Regel nichts oder zumindest nicht viel aus. Die letzten Tage waren aber, wegen Urlaubsvertretung und wetterbedingten Schwierigkeiten, besonders anstrengend, und so kam es mir gerade gelegen, dass ich heute wenigstens eine halbe Stunde früher gehen konnte, als gestern und vorgestern.
Ich war also am zusammen packen, ging nochmal für kleine Mädchen, und fand, mal wieder, eine Rolle Klopapier mit nur noch einem Blatt darauf vor. Und mal wieder brachte mich das zum nachdenken.

Eigentlich ein einfacher Vorgang: Klopapier aufbrauchen, leere Rolle in den Mülleimer werfen, neue Rolle in die Halterung stecken, fertig.
Wir haben in jedem cubicle (wie heisst denn das wieder auf deutsch….?) einen Behälter mit drei vorrätigen Rollen Klopapier sowie einen kleinen Abfalleimer, und im Vorraum beim Waschbecken den großen Papierkorb.
Trotzdem vergeht keine Woche, in der ich nicht mindestens einmal entweder eine Rolle mit einem halben Blatt darauf finde (ich nenne es mal die Alibirolle, man lässt ein halbes Blatt drauf, somit hat man die Rolle nicht leer gemacht und muss sie nicht auswechseln) oder eine ganz leere Rolle, oder gar keine (in dem Fall wurde die leere Rolle immerhin in den Müll geschmissen). Variante vier ist dann die aller beste Version: die leere Klopapier Rolle steht auf dem Spülkasten der Toilette. Fabelhaft!

Jedesmal, wenn ich sowas sehe, frage ich mich, was denn so schwer daran ist, diese dämliche Rolle auszutauschen. Jedesmal erwische ich mich dabei zu schauen, ob im anderen „cubicle“ (mir will das deutsche Wort einfach nicht einfallen!) vielleicht eine volle Rolle hängt. Jedesmal denke ich mir, ich habe schon so oft die von anderen geleerten Rollen gewechselt, jetzt ist mal jemand anderes dran! Und jedesmal gehe ich doch in den cubicle und hänge eine neue Rolle Klopapier auf.

Und jedesmal denke ich mir, wie sehr das doch unsere Gesellschaft im allgemeinen widerspiegelt. Nehmen, nehmen,  nehmen – aber nur keine Sekunde verschwenden, etwas für jemand anderen zu tun. Und dann die paar wenigen, die geben, geben, geben – und dabei sich selbst vergessen.

Lange genug ließ ich mich von anderen herum schubsen. Mittlerweile habe ich, glaube ich zumindest, einen guten Mittelweg gefunden. Ich gebe, aber ich nehme auch. Ich bin für andere da, aber ich setze grenzen und bin auch für mich selbst da.

Trotzdem ärgere ich mich jedesmal, wenn ich so eine Alibirolle finde, und dann macht es mich traurig. So wenig Beachtung schenken wir unseren Mitmenschen, dass wir uns nicht mal ein paar Sekunden Zeit nehmen, um eine leere Klopapier Rolle zu wechseln.

Seid anders. Nehmt euch Zeit für euer Umfeld. Wechselt ihnen die Rollen.

 

PS: Der Text ist halb-lustig, weil….ja meine Güte, es geht hier um Klopapier! Aber mir ist es durchaus auch ernst damit. Wie viel Stress kann ein Mensch haben, dass er keine Zeit hat, diese dämliche blöde kleine Rolle zu wechseln?! Wie ignorant kann man sein. Traurig.

8 Gedanken zu “Das Toilettenpapier der Gesellschaft

  1. samybee schreibt:

    Huch – arbeiten meine Kinder in deiener Firma? Ich dachte Kinderarbeit ist verboten 😉. Ich kenne das bur zu gut von zuhause. Hier lässt man auch immer noch einen letzten Rest Milch in der Tüte, denn wer leer macht, muss eine neue holen. Allerdings vergesse ich auch oft eine Ersatzrolle zu holen, wenn ich die letzte aufgesteckt habe. Aber das letzte Alibi-Papier, das machen hier nur die Kinder…

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    • Lela G schreibt:

      Naja, die Ersatzrolle holen, das kann ich ja noch verstehen. Aber wenn eine Ersatzrolle da steht…und man sie nur wechseln muss. Also ehrlich jetzt, das ist doch schwach. Nimm doch mal, immer wenn Du aufs Klo gehst, Deine eigene Klopapierrolle mit… Mal sehen wie lang es dauert, bis Deine Kids sich doch bewegen und Nachschub holen 😉

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      • Lela G schreibt:

        😀 das hast jetzt Du gesagt… aber ich gestehe, zu Hause habe ich immer eine Packung Tempos im Bad deponiert…weil es leider schon zu oft vor kam, dass ich vergessen habe, neues Klopapier zu kaufen!! (Das ist hier übrigens schrecklick-teuer, seufz)

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      • samybee schreibt:

        Echt? Klopapier? Schräg! Hier ist es wirklich günstig und man kann es in größeren Rollen als in Deutschland kaufen. Dann wird es noch günstiger. Aber wer aus dem Westen kommt, findet hier alles günstiger. Wer aus östlicher Richtung hierher kommt, findet es viel teurer.

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      • Lela G schreibt:

        Also…ich bin da ja etwas eigen und mag kein 2-lagiges. Drei muss es mindestens haben, lieber vier. Da kosten dann 6 Rollen ca 6 Euro aufwärts. Find ich schon teuer. Zum Glück gibts hier so 1-Euro-shops wo man mit bisschen Glück auch mal ein günstiges Klopapier findet 😁

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  2. autistanbord schreibt:

    Kabine… das Wort ist Kabine.
    Ich finde, das ist das gleiche Prinzip, wie wenn jemand ein bisschen Nutella im Glas lässt und das in den Schrank zurückstellt… oder ein paar Krümel Müsli oder ähnliches. Finde das in allen Bereichen schrecklich. Bei mir und meinem Mann glücklicherweise selten der Fall, in der weiteren Familie ständig.
    Das mit dem Klopapier kaufen vergessen finde ich etwas lustig – bei uns ist es andersrum und das Klopapier muss für alle möglichen anderen Zellstoffverwendungen herhalten, weil wir andere Dinge zu kaufen vergessen…

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