Was ist eigentlich aus mir geworden?

Ich war etwa 5 Jahre alt, vielleicht auch 6, und lief mit meinen Freundinnen vom Musikunterricht zum Gemeindehaus, in dem eine Faschingsparty für Kinder statt fand. Da ich direkt von der Musikschule kam, musste ich mich erstmal umziehen (ich war die Schwanenkönigin Odette, wobei das keiner kapiert hat, ich sah einfach aus wie eine Mischung aus Ballerina und Prinzessin) und natürlich auch schminken. Voller Stolz und total selbstbewusst malte ich Panda artige, dicke schwarze Kringel um mein ganzes Auge, und erzählte allen staunend neben mir sitzenden Mädchen, dass man das Kajal nennt und ich das von meiner grossen Schwester gelernt hatte. Ich sah völlig bescheuert aus und merkte das auch recht schnell selbst – als ich nämlich doch mal einen Blick in den Spiegel warf, statt nur die anderen Mädchen anzuschauen und mit ihnen zu quasseln – aber was soll’s, dachte ich, und erzählte ihnen, das gehört so!

Wann hörte ich auf, so selbstbewusst zu sein?

Ich hörte auf selbstbewusst zu sein, als ich aufhörte, Papas Prinzessin zu sein. Weg waren die schönen Kleider, die langen Haare. Weg war der Stolz wenn mein Vater mir bewundernd zu schaute, wie ich versuchte, englische Wörter aufzuschreiben, genau so, wie ich sie in den Liedern im Radio verstanden habe. Er selbst konnte kaum schreiben und lesen, italienisch ein bisschen, deutsch ein bisschen weniger, und englisch schon gar nicht. Auch wenn mein Vater Dinge getan hat, die ein Vater nicht tun sollte – er war immer stolz auf mich.

Mein Vater war weg – und das war / ist auch gut so!! – und mit ihm verschwand mein Gefühl, etwas zu können. Gut zu sein.

Das neue Ich saß heulend im Kinderzimmer, weil mir eine Tasse runter gefallen war und ich Angst hatte, das zu beichten. Die Tasse war damals keine große Sache, aber ich muss instinktiv gefühlt haben, dass aus ähnlichen Kleinigkeiten zukünftig große Sachen gemacht werden. Ich war gut in Deutsch und in Englisch, aber schlecht in Mathe. Deshalb war ich dumm und faul und hatte es nicht verdient, in die Schule zu gehen. Ich schnitt die Tomaten falsch, das führte zu einem größeren Drama. Als andere Jugendliche die ersten Ausgehversuche wagten und lernten, sich frei zu bewegen, Spaß zu haben, zu tanzen, saß ich i meinem Zimmer, die Tür von innen abgeschlossen, obwohl ich den Schlüssel eigentlich nicht haben durfte, und versuchte einfach unsichtbar zu sein. Es klappte nicht immer.

Wäre nicht innerhalb meiner Firma eine Stelle frei geworden, und hätten mir Kollegen nicht die Entscheidung abgenommen, hätte ich mich niemals getraut, nach Irland zu ziehen, obwohl es immer mein Traum war. Tanzen und singen kann ich nur, wenn ich alleine bin – oder betrunken. Zu groß ist die Angst, mich zu blamieren. Lange Zeit konnte ich nicht nein sagen, und manchmal fällt mir das immernoch schwer, weil ich Anerkennung will und Konflikte scheue. Lange ging ich nur in Begleitung einer Freundin einkaufen. Nur wenn sie ein Kleidungsstück gut fand, traute ich mich zu sagen, dass es mir auch gefällt. Ich fahre nicht Auto. Ich hatte einmal eine Panikattacke beim Auto fahren, aber ich war auch davor nie sicher und selbstbewusst genug zu fahren, selbst als mich meine Schwester und später auch meine Mutter immer wieder fragten „willst Du fahren?“. Wenn ich in der Bahn kontrolliert werde, bekomme ich Panik, während ich die Fahrkarte in der Hand halte. Immer begleitet mich die Angst vor Fehlern. Die Angst, wieder nicht gut genug zu sein, wieder etwas nicht zu schaffen.

Stück für Stück wird es besser. Irland hat mich sehr viel weiter gebracht, weil es mich gezwungen hat, Dinge alleine zu unternehmen, zu entscheiden. Mich selbst kennen zu lernen, anstatt nur zu versuchen anderen zu gefallen.

Mein nächster Schritt wird sein, wieder Fahrstunden zu nehmen. Es wird mein dritter Versuch werden, und hoffentlich mein letzter. Den Führerschein habe ich schon lange – nur das mit dem fahren…. Ich habe wahnsinnige Angst davor, fast schon Panik, aber ich habe es so satt, immer auf andere oder auf die Öffentlichen angewiesen zu sein, sei es um größere Einkäufe zu erledigen oder auch um Ausflüge zu unternehmen. Ich bin stärker geworden, selbstbewusster. Wenn ich es jetzt nicht schaffe, dann schaff ich es nie mehr! Damit ich die Angst auch wirklich überwinde, erzähle ich möglichst vielen Leuten von meinem Plan, damit ich es auch wirklich durchziehe – die Angst, den Leuten sagen zu müssen, dass ich doch zu viel Angst hatte, ist nämlich größer als die Angst im Auto zu sitzen und frei zu sein.

Ich fühle mich hier schon so viel freier, als in Deutschland.
Jetzt fehlt nur noch das letzte bisschen Freiheit.

3 Gedanken zu “Was ist eigentlich aus mir geworden?

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