Wie oft wird man enttäuscht …

…bevor’s einem egal wird?

April. Nachdem ich schon über ein Jahr in Irland bin, steht der erste Besuch meiner besten Freundin bevor. Ich habe extra Urlaub genommen und freue mich sehr. Vom Flughafen aus ruft mich ihr Freund an um mir zu sagen, dass sie so eine Angst vorm fliegen hat, sie die Beruhigungsmittel vom Arzt nicht nehmen will und dass sie sich deshalb entscheiden haben, wieder nach Hause zu fahren und nicht zu kommen. Die Enttäuschung ist groß.

Juni. Ich fliege in die Heimat. Meine beste Freundin reserviert einen Tisch bei meinem Lieblings Italiener. Sie holt mich am Flughafen ab. Wegen schlechtem Wetter wird der Flug umgeleitet. Ich lande 2 Autostunden entfernt und bin erst spät nachts in der Heimat. Ich habe wenig Zeit für die Enttäuschung, aber sie ist da.

Juli. Ich spreche mit meiner besten Freundin per VideoCall. Wir haben uns lange nicht gesehen. Wir sprechen darüber, dass ich an meinem Geburtstag arbeiten muss. Das findet sie nicht gut, sie möchte den Tag mit mir verbringen. Ich schlage ihr vor, mich zu besuchen. Es gibt ja auch noch das Auto und die Fähre… Sie lehnt ab, schlägt mir im Gegenzug vor, den Flug für mich zu zahlen, wenn ich zu ihr komme. Ich muss aber arbeiten, dafür hat sie wenig Verständnis. Ich verstehe nicht, warum *mein* Geburtstag nach ihrem Willen gestaltet werden soll (zumindest nach ihrer Meinung). Ich bin enttäuscht.

August. Ein weiterer, sehr kurzer Heimatbesuch steht an. Meine beste Freundin verspricht, einen Tisch in meinem Lieblingsrestaurant zu reservieren. Dann fällt ihr ein, dass der Wetterbericht Hitze voraussagt und sie dann nichts essen mag. Sie schlägt vor, dass ich zu ihr komme (ca 1 Stunde entfernt). Ich lehne ab, da ich an dem Tag auch noch Zeit mit meinen Eltern verbringen möchte und Nachmittags wieder nach Irland fliege. Sie reagiert bockig. Ich schlage ihr vor Frühstücken zu gehen, zu meinen Eltern auf den Balkon mit zu kommen, mich zu einem Spaziergang abzuholen, mich an den Flughafen zu fahren, mich auf einen Kaffee zu treffen. Keine Reaktion. Ich schreibe ihr, dass ich nunmal nur wenig Zeit habe und diese gerecht aufteilen muss / will. Als Antwort bekomme ich „hm“. Nachdem weiter nichts mehr kommt, sage ich ihr, dass meine Mutter mich nun zum Essen einplant und wir uns davor oder danach treffen können. Ihre Antwort: „ok, dann vergessen wir’s.“ Die Enttäuschung ist immens.

13 Gedanken zu “Wie oft wird man enttäuscht …

  1. samybee schreibt:

    Die „Daheim-Gebliebenen„ verstehen auch bei uns manchmal nicht, dass man sich seine Zeit in der Heimat zwischen vielen verschiedenen Personen aufteilen muss und man selbst auch das Bedürfnis hat, andere Lieblingsmenschen in dieser meist knappen Zeit zu treffen. Und manchmal gilt, das je enger die Beziehung war, umso geringer das Verständnis ist.
    Wie lange bist Du jetzt in Irland? Anderthalb Jahre? Dann ist langsam klar, welche Menschen in Deinem Leben bleiben und welche nicht…

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    • Lea schreibt:

      Ja…die Erfahrung habe ich auch schon gemacht – und mache sie bei jedem Heimat Besuch wieder. Es sind schon nicht mehr viele Leute übrig geblieben, und diese eine Freundin… naja. Wir kennen uns fast unser ganzes Leben, haben so vieles gemeinsam durchgestanden. Ist halt enttäuschend, dass es jetzt nicht mehr hin haut.

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      • autistanbord schreibt:

        Genau… In meinem Fall übrigens auch die Person, die ich damals als beste Freundin bezeichnet hätte. Sie kam zwar, der Tag meines Geburtstags endete aber im kompletten Overload für mich, sodass ich am Ende aus meiner eigenen Wohnung geflüchtet bin, um „runterzukommen“, während die Gäste sich einen schönen Abend gemacht haben. Nachfolgender Versuch, das zu klären, verlief im Sande – offenbar alles meine Schuld. Gerade nach Jahren versucht, das Verhältnis wieder „aufzuwärmen“. Vor einigen Tagen die ziemlich ernüchternde Erkenntnis: bringt nichts.

        Ich hoffe, deine Freundin hat einfach nur eine echt blöde Zeit und fängt sich wieder!

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      • Lea schreibt:

        Ahh, wie blöd. Aber ja – ich bin auch schuld dass wir uns nicht treffen…. weil ich nicht zu ihr komme. 🤷🏻‍♀️ das ist nicht das erste mal dass sie die Prinzessin auf der Erbse spielt. Irgendwie..hab ich das Gefühl das war’s dann jetzt.

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  2. suzyintheflow schreibt:

    Ach du liebe Sch…, das klingt aber gar nicht nach Freundschaft! Freunde zu bleiben, wenn nichts sich verändert, ist ja relativ einfach. Man merkt dann oft gar nicht, dass viel mehr Gewohnheit dabei ist als es sollte. Ein Auslandaufenthalt, wie bei dir, bringt vieles ins Rollen und was du da beschreibst, ist leider ein Preis, den viele von uns Expats für ein spannendes Leben jenseits der Komfortzone bezahlen: Wir müssen alte Freundschaften verabschieden. Freundschaft sollte gegenseitig sein, Freude machen und keiner sollte ständig den Kürzeren ziehen. Ich denke, es macht keinen Sinn aus reiner Nostalgie alte Kontakte warm erhalten zu wollen. Das belastet bloss und ist frustrierend. Leider

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